Landwirte reden Klartext
  • "Egal wie wir wirtschaften - am Ende sind wir alle Bauern" Matthias Icken, Bio-Landwirt und Milchviehhalter

     

Matthias Icken ist Bio-Bauer. 2010 hat der Milchviehhalter und Schweinemäster begonnen, seinen Betrieb nach den Naturland-Richtlinien umzustellen. Als Weltverbesserer versteht er sich nicht. Dem Landwirt geht es vor allem um einen gesunden Hof, den er heute so bewirtschaftet, wie es seiner Vorstellung entspricht. 

Alles muss passen Landwirte leben nicht von einer Ideologie

Freiland-Schweine und Kühe in Weidehaltung. Jedes Jahr fünf Wochen Melkpause und saisonales Abkalben. Kälber, die von ihren Müttern oder Ammen aufgezogen werden. Auf Hof Icken nahe Bremerhaven läuft vieles anders. Landwirt Matthias Icken gefällt das so. Es ist ihm nicht lästig, seine Milchkühe zweimal täglich zum Melken in den Stall zu treiben und sie anschließend wieder nach draußen zu führen: „Ich finde es richtig, wenn Kühe auf der Weide laufen und Gras fressen.“ Gleichzeitig erklärt der Bio-Bauer, in einem gut geführten Laufstall steige das Tierwohl keineswegs automatisch, wenn man die Kühe plötzlich nach draußen schickt.

„Die wissen erst gar nicht, was sie da sollen.“ Ohnehin bezweifelt Matthias Icken, dass es eine perfekte Haltungsform für Nutztiere überhaupt gibt. Entscheidend in dieser Frage sind für ihn immer die Betriebsleiter. „Sie brauchen eine Betriebsform, die zu ihnen passt und mit der sie leben können.“ Ob das nun Wachstum, Schrumpfen, konventionelles oder biologisches Wirtschaften bedeutet, muss jeder selbst herausfinden. Hauptsache ist, alles passt zusammen und der Landwirt kommt zurecht – dann geht es auch den Tieren gut. „Ich habe jetzt einen Betrieb, mit dem ich zufrieden bin“, so Matthias Icken. Das war nicht immer so. Bis 2010 wirtschaftete er selbst noch konventionell. Aber das „System des ewigen Preisdrucks“ hatte er einfach satt. Als 2010 mal wieder der Ferkel-Preis im Keller war, begann er seinen Hof nach den Naturland-Richtlinien umzubauen und ertragsorientiert aufzustellen. Schweine hält der Landwirt heute nur noch für die Direktvermarktung – den Bestand hat er auf Hofladenniveau reduziert. Vorteil: Was sein Schweinefleisch kostet, bestimmt Matthias Icken heute selbst. „Wir stecken nicht mehr in dem Hamsterrad, zu jedem Preis verkaufen zu müssen“, sagt der Landwirt. Die Rohmilch seiner 160 Kühe verkauft Matthias Icken als Heu-Milch. Vorteil: Damit beliefert er einen Inlandsmarkt mit einem stabilen Preisniveau, deutlich über konventionell erzeugter Milch.

Das lohnt sich für den Bio-Bauern, trotz höherer Produktionskosten. Sein Hof ist heute abgekoppelt von einem „wahnsinnigen Weltmarkt“. Er bedient eine Nische, die bereit ist einen angemessenen Preis für seine Produkte zu zahlen. Und trotzdem hadert er mit der Haltung vieler Verbraucher: „Die Leute sagen mir immer, wie sehr ihnen unsere Tierhaltung gefällt, aber längst nicht jeden treffen wir in unserem Hofladen wieder.“ Matthias Icken nervt, dass die Gesellschaft nach mehr Tierwohl verlangt. „Aber wenn es jemand umsetzt, kann er sich nicht darauf verlassen, dafür belohnt zu werden.“

 

Ein Preisschild für die Idylle? Landwirt ist kein Ehrenamt

Wie sieht die Landwirtschaft in den Köpfen unserer Gesellschaft aus? Bio-Bauer Matthias Icken glaubt, die meisten Leute halten an einem Wunschbild fest. Und das kennen sie unter anderem aus Kinderbüchern, vor allem aber aus der Werbung. Für solche Menschen hat der Viehhalter eine klare Botschaft: „Die idyllischen Höfe mit pickenden Hühnern, drei Schweinen und einer Hand voll Kühen im Stall gibt es nicht mehr.“ Davon kann heute kein Betrieb mehr existieren. Aber genau darum geht es: „Mit dem Erlös unserer Produkte ernähren wir unsere Familien“, sagt der Landwirt. „Und wir haben das Recht auf den gleichen Lebensstandard wie unsere Nachbarn.“ Wie viele seiner Berufskollegen hat Matthias Icken schon erlebt, wie es ist, wenn es eng wird – weil die Preise für Milch oder Ferkel in den Keller rauschen.  Auch er kennt das Hamsterrad, seine Produkte verkaufen zu müssen, egal wie schlecht sie bezahlt werden.

Mit Landidylle hat das nichts zu tun. Aus Sicht des Bio-Bauern ist dieses verklärte Ideal der Landarbeit zwar gesellschaftlich erwünscht, „aber zahlen wollen nur die wenigsten dafür“. Der Betriebsleiter stellt außerdem fest, dass sich über Jahrzehnte niemand darum gekümmert hat, wie es sein kann, dass Lebensmittel immer günstiger werden. „Erst heute empören sich Verbraucher etwa über die Tierhaltung und erklären, sie wissen erst jetzt, wie es läuft“, so Matthias Icken. Selbstkritisch erklärt er aber auch: „Wir Landwirte sind seit den 50-er Jahren immer größer und effizienter geworden, um für die Bevölkerung günstige Nahrungsmittel zu erzeugen, aber dabei haben wir die Menschen nicht mitgenommen.“

Er hofft, dass die junge Generation der Landwirte lernt, die Verbraucher besser abzuholen. Wie sich die Betriebe auch entwickeln werden – der Bio-Bauer hält es für bedeutend, den Menschen zu zeigen, wie auf dem Land gearbeitet wird: „In zehn Jahren sollte wirklich jeder wissen, wie die Landwirtschaft tatsächlich läuft.“ Und dann könne die Gesellschaft entscheiden, ob sie das so will oder nicht. Klar ist für ihn aber: Ob sein Berufsstand sich überhaupt verändern wird, hängt maßgeblich vom Kaufverhalten der Verbraucher ab. Für deren Umdenken sieht Matthias Icken indes noch keine Anzeichen. „Die Leute behaupten zwar immer, sie sind bereit mehr Geld für Nahrungsmittel auszugeben – tatsächlich kaufen sie aber weiterhin vor allem billig ein.“ Aber wer ein Hähnchen für drei Euro haben will, soll sich bewusst sein, dass ein Landwirt nicht von einer kleinen Geflügelschar leben kann. „Denn ihm bleiben vom Tier nur Cent-Beträge.“ 

Effizienz von der Weide Ein System mit Gewinnern auf beiden Seiten

Artgerechte Nutztierhaltung? Matthias Icken ist sich nicht sicher, ob es so etwas gibt. „Ich kann doch nur darauf reagieren, was die Kühe mir anbieten“, sagt er. Beispiel: Er öffnet die Stalltür und alle laufen nach draußen. Daraus schließt er, dass sein Milchvieh den Aufenthalt auf der Weide dem Dasein im Stall vorzieht. Ihm gefällt das: „Ich mag es, wenn Kühe auf den Wiesen laufen und Gras fressen.“ Ergo: Seine Herde verbringt die meiste Zeit des Jahres im Freien. Der Bio-Bauer weiß, in der öffentlichen Wahrnehmung kommt das gut an. Aber Matthias Icken hält seine Milchkühe nicht, weil er sie beim Grasen beobachten will. Sein Hof lebt vom Verkauf sogenannter Bio-Heumilch. Dafür muss er seine 160 Tiere mit Frischfutter und im Winter mit Heu versorgen – Silage ist tabu. Hinter der Weidehaltung auf Hof Icken steht also auch ein handfestes betriebswirtschaftliches Interesse. Und das geht einher mit einer weiteren Besonderheit des Betriebs – dem saisonalen Abkalben. Alles ist so organisiert, dass die komplette Herde im Januar fünf Wochen trocken steht und die Kühe anschließend nach und nach ihre Kälber zur Welt bringen.

Mit der Melkpause verschafft sich der Landwirt Freiraum, den er etwa für den Familienurlaub nutzt. Und: „Unsere Kühe bringen später die höchste Milchleistung, wenn wir draußen das beste Futterangebot haben.“ Der Bio-Bauer sagt, mit Weidegras kann er seine Heu-Milche verhältnismäßig günstig produzieren. „Denn so müssen wir relativ wenig Futter für den Winter konservieren, weil wir bis zum Ende der Weidesaison bereits drei Viertel der Jahresmenge gemolken haben.“ Kurz: Matthias Icken hat sich ein System ausgedacht, das seiner – und auch der öffentlich bevorzugten – Idee von Milchviehhaltung entspricht und gleichzeitig effizient für den gewünschten Ertrag sorgt. Dazu gönnt er seinen weiblichen Kälbern, von ihren Müttern oder Ammenkühen aufgezogen zu werden. Und auch hier ist der Landwirt vor allem pragmatisch: „Als Bio-Betrieb muss ich der Nachzucht ohnehin drei Monate lang Vollmilch anbieten“, sagt er. Daher macht es für ihn keinen Unterschied, ob er die Milch zu den Kälbern trägt oder sie direkt aus dem Euter saugen lässt. „Ich rechne so, dass jeweils eine Kuh für drei Kälber da ist.“  Für Matthias Icken  lohnt das Geschäft mit der Heumilch. Er bekommt neben dem Bio-Preis einen zusätzlichen Aufschlag für sein Produkt – vor allem ist der nationale Markt stabil. Bei allen Vorteilen empfiehlt er das Modell Heumilch seinen Berufskollegen nicht zum Nachahmen. „Wenn das jeder machen würde, übersteigt das Angebot die Nachfrage und der Preis sinkt.“